Vom Fracking-Boom zur Fracking-Blase

18. Februar 2016  Allgemein

Anti-Fracking-Aktion der LINKEN. Münster

Anti-Fracking-Aktion der LINKEN. Münster

Die Spekulation auf künftige Gewinne ist alltägliche normale Praxis im Kapitalismus, nicht bedarfsorientiertes planerisches Wirtschaften. Dies lässt sich auch am aktuellen Beispiel des Ölpreisverfalls und den Schwierigkeiten zeigen, in denen die Fracking-Branche momentan steckt. Eine vernünftige Antwort wäre der sozial-ökologische Umbau, der das Verbot von Fracking, die Vergesellschaftung von Eigentum und die Demokratisierung der Energieversorgung mit einschließt.

An den Börsen steht derzeit ein Kurs unter ganz besonderer Beobachtung. Der Ölpreis liegt momentan, rechnet man die nervösen täglichen Schwankungen heraus, bei rund 30 Dollar pro Barrel (159-Liter-Fass). So niedrig notierte er das letzte Mal im Jahr 2004. Allein seit Dezember 2015 ist er um ca. 40 Prozent gefallen. Unternehmen aus der Ölbranche, die sich vor nicht allzu langer Zeit satte Profite versprachen, müssen aktuell ihre Gewinnerwartungen drastisch nach unten korrigieren. Es kommt zu ersten Massenentlassungen. Investitionen werden gestrichen. Einige Firmen melden bereits Konkurs an. Auch ganze Staaten wie bspw. Russland, Saudi-Arabien oder Venezuela, die einen Großteil ihres Haushalts aus Öleinnahmen finanzieren, müssen nun zum Teil drastische Mindereinnahmen ausgleichen. Das kürzlich verkündete Einfrieren der Fördermengen durch ebenjene Staaten ist vor genau diesem Hintergrund zu sehen. Der niedrige Ölpreis scheint sich also mehr und mehr zu einem Problem für die kapitalistische Weltwirtschaft zu entwickeln.

In den letzten Jahren ist die weltweite Ölproduktion rasant gestiegen. Grund hierfür ist insbesondere der Aufstieg der Fracking-Technologie. Durch den Fracking-Boom in den USA und Kanada kam es zu einer regelrechten Ölschwemme, weshalb nun die Öllager voll sind und ein massiver Angebotsüberhang besteht. Zugleich sank aufgrund lahmender Konjunktur die Nachfrage in den Hauptabnahmeregionen China und Europa. Jedoch erweist sich der Ölpreissturz auch – dies bringen die Ungleichzeitigkeit des Weltmarkts und die kapitalistischen Konjunkturen mit sich – andernorts als unverhofftes Konjunkturprogramm. Ein wahrer Segen ist der niedrige Ölpreis etwa für die verarbeitende Industrie, da ein Großteil der Produktion immer noch vom Rohstoff Öl abhängt, sei es für die Verarbeitung in der Maschinenbau-, Chemie- und Bauindustrie, sei es als Heizstoff, sei es für den Gütertransport. Auch die Autofahrerinnen und Autofahrer freuen sich über die günstigen Benzin- und Dieselpreise, die insbesondere für Geringverdienende eine spürbare finanzielle Entlastung bedeuten.

Die Abhängigkeit vom schmutzigen Energieträger Öl ist noch immer enorm hoch

Zu welchem Schluss man in der Betrachtung der Ölpreisentwicklung gelangt, hängt von der Perspektive ab. Ganz generell zeigt sich angesichts der nervösen Reaktionen auf den Ölpreisverfall und der widersprüchlichen ökonomischen Folgen: Die Abhängigkeit der Weltwirtschaft vom schmutzigen Energieträger Öl ist nach wie vor enorm hoch. Ein für längere Zeit anhaltender Preissturz vermag ganze Nationalökonomien in Schwierigkeiten zu bringen. Zugleich steigt der Anreiz zu Mehrverbrauch und Ausweitung der ölintensiven Produktion in anderen Branchen. Für die aufgrund des ungebremst voranschreitenden Klimawandels dringend erforderliche Energiewende bedeutet dies einen zusätzlichen Rückschlag. Ein Beleg dafür ist das Rekordjahr, das die US-Automobilbranche 2015 verbuchte. Maßgeblich befördert durch den niedrigen Ölpreis verkauften die Autokonzerne in den USA im letzten Jahr 17,47 Mio. Fahrzeuge – so viele wie noch nie. Mehr als die Hälfte davon waren Geländelimousinen (Sport Utility Vehicles, SUV) und Kleintransporter (Pick-ups).

Der niedrige Ölpreis sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ölvorräte auf lange Sicht schwinden. Die derzeit Rekordhöhen erklimmende weltweite Ölfördermenge ist massiv durch die Entwicklung der teuren und gefährlichen Fracking-Technologie bedingt. Fracking birgt unverantwortliche Risiken für Mensch und Umwelt, vom verseuchten Grundwasser über Erdbeben bis hin zu riesigen Mondlandschaften in den Fördergebieten. Im Zuge des Ölpreisverfalls erweist sich der Fracking-Boom nun immer mehr als Fracking-Blase, die mit nachhaltiger und umweltschonender Energieerzeugung rein gar nichts zu tun hat. Mit langfristiger Planung zum Vorteil aller Menschen ist es im Kapitalismus ohnehin nicht weit her. Was zählt, sind die kurzfristigen Profite. Unter dem Gesichtspunkt eines menschenwürdigen Lebens betrachtet, liefert die krisenhafte Ölpreisentwicklung nur einen weiteren Beleg für die desaströse Bilanz der kapitalistischen Produktionsweise. Auf dem aktuellen Stand der Produktivkräfte wäre längst ein Leben in Wohlstand für alle Menschen möglich, und zwar bei gleichzeitiger Schonung der natürlichen Ressourcen und radikal reduzierter Arbeitszeit. Stattdessen produziert die kapitalistische Produktionsweise notwendig Gewinner und Verlierer und das jeden Tag aufs Neue, in stets sich wandelnden Konstellationen.

Die Fracking-„Erfolgsstory“: Geostrategische Rangeleien und steigende Ausfallrisiken

An der vermeintlichen Fracking-Erfolgsstory der vergangenen Jahre in den USA und Kanada lässt sich dies gut zeigen. Maßgeblich für die Förderung der Fracking-Technologie in Nordamerika waren nicht die Bemühungen um eine sichere und nachhaltige Energieproduktion zum Wohle der betroffenen Menschen und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, sondern wirtschaftliche Profitinteressen und geostrategische Erwägungen der US-Regierung. Letztere versprach sich durch die Förderung der Fracking-Technologie die Unabhängigkeit von Ölimporten, was bislang auch aufging: Mittlerweile sind die USA, zuvor über 60 Jahre lang Ölimporteur, zum Nettoexporteur und größten Ölproduzenten überhaupt aufgestiegen. Neben einem kurzfristigen wirtschaftlichen Boom hat diese Entwicklung für die USA auch erhebliche machtpolitische Vorteile. Damit dies allerdings so bleibt, darf der Ölpreis nicht dauerhaft im niedrigen zweistelligen Bereich verharren, weil die noch immer teure Fracking-Technologie sich für die Unternehmen erst ab mindestens 50 Dollar pro Barrel rentiert. Die Organisation erdölexportierender Länder, kurz OPEC, hat bis heute nichts Entscheidendes gegen den Ölpreisverfall unternommen, etwa indem sie die Fördermengen gedrosselt hätte. Dies führen Beobachter darauf zurück, dass die das Kartell dominierenden arabischen Staaten, allen voran Saudi-Arabien, die zu deutlich günstigeren Preisen Öl fördern können, mit dieser Aussitztaktik ihre neuen Konkurrenten auf dem Weltmarkt, also die nordamerikanische Fracking-Industrie nachhaltig schwächen wollen. Dafür nimmt Saudi-Arabien selbst kurzfristig Verluste in Kauf. Für diese Einschätzung sprechen etwa die Aussagen des saudischen Ölministers Ali al-Naimi, der -gemessen an der kapitalistischen Konkurrenzlogik vollkommen zu Recht – verlautbaren ließ: „Es ist nicht im Interesse der OPEC-Förderländer, die eigene Produktion zu drosseln – egal, wie der Preis steht. Wenn ich reduziere, was geschieht dann mit meinen Marktanteilen? Der Preis wird hochgehen und die Russen, die Brasilianer, die US-amerikanischen Schiefer-Öl-Produzenten werden meine Anteile übernehmen.“ Inwiefern die aktuelle Einigung, die Fördermenge einzufrieren, nicht aber zu senken, den Ölpreis beeinflussen wird, bleibt abzuwarten.

Eine Zeit lang konnten in den USA auf Kosten von Mensch und Umwelt tatsächlich satte Gewinne mit dem durch Fracking geförderten Schieferöl erzielt werden. Doch mittlerweile zeigt sich einmal mehr, dass jegliche kapitalistische Kalkulation und nicht etwa bloß das Gebaren der Finanzmärkte eine unsichere Spekulation auf künftige Gewinne darstellen. Nun sind nämlich die Öllager voll, Kapital wurde massenweise vorgeschossen, es finden sich aber nicht mehr genügend Abnehmer. Die Fracking-Branche in den USA und Kanada mit ihren vielen kleinen Startup-Unternehmen wurde neben staatlicher Subventionierung insbesondere durch hochriskante sogenannte High-Yield-Anleihen angeschoben. Das Ausfallrisiko dieser Hochzinsanleihen ist weitaus größer als bei normalverzinsten Anleihen, da es sich um ungesicherte Schuldverschreibungen von Emittenten mit einer schlechten Kreditwürdigkeit handelt. Da aber aufgrund des niedrigen Ölpreises geplante Investitionen ausgesetzt werden, einzelne Fracking-Unternehmen bereits Pleite gehen, steigt derzeit auch das Ausfallrisiko dieser Fracking-Anleihen. Eine Ausbreitung auf andere Anlagesegmente kann längst nicht mehr ausgeschlossen werden. Die Welt verglich ein solches Szenario mit dem Ausfall der ersten Subprime-Kredite am Immobilienmarkt zu Beginn der Finanzkrise 2008: „Die schwächsten Glieder fielen zuerst, führten zu Verunsicherung und trockneten den Markt allmählich aus, was sich dann auch auf andere Anlagesegmente auswirkte, bis das Beben schließlich die Banken und den gesamten Finanzmarkt erschütterte.” Derzeit geraten erneut ganze Branchen ins Wanken – die Fracking-Blase droht zu platzen.

Im Kapitalismus wird nicht nachhaltig, sondern für die Kapitalverwertung produziert

Werden derartige Krisenerscheinungen auch häufig mit urplötzlich und unerwartet hereinbrechenden Naturkatastrophen verglichen, so haben sie doch System. Dies liegt daran, dass im Kapitalismus nicht für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen, sondern für die Kapitalverwertung produziert wird. Wo keine Aussicht auf zumindest mittel- bis langfristige Gewinne besteht, wird weder investiert noch produziert, mag auch eine gesellschaftliche Nachfrage bestehen. Dies erleben wir nach wie vor im Bereich der Erneuerbaren Energien, deren Ausbau unter ökologischen Gesichtspunkten zwingend erforderlich ist. Doch gemessen an den zu erzielenden kurzfristigen Profiten haben Erneuerbare Energien nach wie vor gegenüber den fossilen Energien das Nachsehen. Mittel- bis langfristig spekulierende Kapitalien erwarten, dass sich dies in absehbarer Zeit flächendeckend ändert und investieren daher in den letzten Jahren verstärkt in die Erneuerbaren. Maßgeblich bleibt aber auch in ihrer Kalkulation der zu erwartende Gewinn, nicht die Sorge um den Klimaschutz.

Umgekehrt erscheint alles Mögliche kapitalistisch attraktiv, was hinreichend sicher Gewinne verspricht, seien es schmutzige Energieträger, genmanipulierte Lebensmittel oder Panzer. Gegen moralische und ökologische Bedenken zeigt sich die Profitlogik des Kapitals gleichgültig. Kapitalistische Unternehmen produzieren auf Basis des Privateigentums an Produktionsmitteln privat getrennt voneinander und treten mit ihren Produkten auf dem Markt in Konkurrenz zueinander. Welchen Produkten eine reelle gesellschaftliche Nachfrage korrespondiert, erweist sich immer erst im Nachhinein, nämlich dann, wenn sie gekauft wurden. Hierin besteht der spekulative Grundzug jeglicher kapitalistischen Produktion. Die Unternehmer leisten sich zwar alle möglichen Marktanalysen und werden darin von den sogenannten Wirtschaftsweisen fleißig unterstützt, doch bedarfsorientiert gewirtschaftet wird deswegen noch lange nicht. Erstens bestehen Massenarmut und Hunger auf der einen Seite und tonnenweise auf dem Müll verrottende Lebensmittel auf der anderen Seite im Kapitalismus munter nebeneinander her. Dies liegt daran, dass bloß ein Bedürfnis zu haben in der Marktwirtschaft nicht ausreicht. Es muss schon ein zahlungskräftiges Bedürfnis sein. Zweitens kommt es andauernd zu kleineren oder größeren Überproduktions- und Unterkonsumtionskrisen sowie platzenden Spekulationsblasen. Es kann sein, dass Unternehmen auf vollen Lagerhallen sitzenbleiben und ihr vorgeschossenes Kapital somit nicht verwerten können. Sie müssen dann Kosten reduzieren, Arbeitsplätze streichen und fallen schlimmstenfalls komplett durchs Rost der allgemeinen Konkurrenz, wie derzeit im Falle des Angebotsüberschusses beim Öl zu sehen ist. Beschönigend werden derartige Prozesse gerne ‚Rationalisierung‘ oder ‚Marktbereinigung‘ genannt, wobei das Schicksal der betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter gar nicht wahrgenommen wird.

Der sozial-ökologische Umbau als Perspektive und Herausforderung für die Zukunft

Laut Schätzungen des Finanzdienstes Bloomberg wurden im Jahr 2015 weltweit rund 250 000 Arbeitsplätze in der Ölbranche gestrichen. Eines der zentralen Argumente der Fracking-Lobby in Deutschland war bis dato die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Dieses Versprechen ist aufgrund des massiven Rückgangs der Investitionen überhaupt nicht zu halten. Anstatt weiterhin die Mär von der arbeitsplatzschaffenden Zukunftstechnologie Fracking zu erzählen, wäre es angebracht auf den drohenden Wegfall von Jobs in der Ölbranche mit der Konversion von Arbeitsplätzen, mit Umverteilung von Arbeit und Arbeitszeitverkürzungen im Sinne eines sozial-ökologischen Wandels zu reagieren. Dieser Transformationsprozess wird über die freien Märkte nicht gelingen, sondern macht zusätzliche staatliche Eingriffe erforderlich. Die Vergesellschaftung von Energiekonzernen stellt dabei ein Mittel auf dem langen Weg zur sozial-ökologischen Transformation dar und würde zudem zu einer Demokratisierung der öffentlichen Energieversorgung beitragen. Dieser Transformationsprozess wird eine der entscheidenden Herausforderungen für DIE LINKE in den nächsten Jahren sein.

Die Aufgabe des Staates im Kapitalismus ist es, die durch die kapitalistische Produktionsweise erzeugten Widersprüche zu regulieren, um ein Fortbestehen des Ganzen zu sichern. Die Staaten sind dabei aber niemals bloße Agenten der Kapitalinteressen, sie haben Handlungsspielraum. Dementsprechend ist es Aufgabe der LINKEN, die herrschende Politik dafür zu kritisieren, wo sie nur den Profitinteressen der Unternehmen entspricht. Wie erwähnt, wurde der Fracking-Boom in Nordamerika maßgeblich durch staatliche Subventionen befeuert. Auch die Bundesregierung strickt seit langem entgegen der eigenen Behauptungen an einem Fracking-Erlaubnisgesetz. Dies konnte aufgrund des entschlossenen Protestes aus der Bevölkerung bislang verhindert werden. Die Entwicklungen angesichts des niedrigen Ölpreises geben allen Kritikerinnen und Kritikern Recht, die das Fracking nicht nur als eine umweltschädliche, sondern auch ökonomisch höchst riskante Sackgassentechnologie durchschaut haben. Fracking flächendeckend ein für alle Mal zu verbieten ist das Mindeste, was von der herrschenden Politik zu verlangen ist. DIE LINKE hat mit ihrem Fahrplan für eine sozial-ökologische Transformation zudem eine Perspektive entwickelt, wie eine demokratische Wirtschaft langfristig auf Basis von Gemeineigentum und genossenschaftlichen Strukturen eine Alternative zum bestehenden krisenanfälligen und bedürfnisfeindlichen Marktwirtschaftsmodell darstellen würde.

Wer sich weiter für das Thema Fracking und dessen verheerende Folgen für Mensch und Umwelt interessiert, kann meine dazu im letzten Jahr erschienene Artikelserie als PDF nachlesen.


Ausdruck vom: 24.11.2020, 06:43:46 Uhr
Beitrags-URL: https://www.hubertus-zdebel.de/vom-fracking-boom-zur-fracking-blase/
© 2020 Hubertus Zdebel, MdB